Ein Alter Sack blickt zurück

29.12.2016
In diesem Jahr habe ich zwei rollenspielerische Jubiläen begangen, ohne es groß zu merken: Seit nunmehr dreißig Jahren fröne ich diesem Hobby, und seit fünf Jahren blogge ich auch darüber. Da nun der aktuelle Karneval der Rollenspielblogs (auch wegen meines Dafürhaltens) das Dezemberthema „Alte Säcke“ ausgerufen hat, nehme ich das als Mittvierziger zum Anlass, meine gänzlich analogen Anfänge und persönliche Meilensteine im Rollenspiel Revue passieren zu lassen.



Augenöffner #0: Abenteuerspielbücher
Zu Weihnachten 1985 – im Monat zuvor war ich vierzehn Jahre alt geworden – bekam ich unter anderem einen Büchergutschein geschenkt. Beim darauffolgenden Besuch in der Buchhandlung insistierte mein Vater in seiner typisch pragmatischen Weitsicht darauf, dafür ein Lexikon anzuschaffen. Tatsächlich habe ich in diesem Nachschlagewerk auch über Jahre hinweg geschmökert, aber in einem benachbarten Regal zog etwas völlig anderes meinen Blick magisch auf sich: Die Zitadelle des Zauberers von Steve Jackson (UK), zweiter Band der Fighting Fantasy Books (auch wenn dieser Name nie übersetzt aufgegriffen wurde).

Allein die Phantastik machte mich schon neugierig, aber der Inhalt war eine Offenbarung: Ich sollte selbst den Verlauf der Handlung bestimmen? Meine eigenen Fähigkeiten und Attribute würden sich während der Geschichte ändern? Nur wenige Tage, nachdem der Gutschein eingelöst war, stand ich wieder in der Buchhandlung und erstand von meinem Taschengeld Die Zitadelle des Zauberers. Natürlich kamen auch bald weitere Bände hinzu, insgesamt habe ich die Reihe aber tatsächlich nur bis zu Band 6 Das Labyrinth des Todes verfolgt. Erst vor einigen Jahren, als ich dank der hervorragenden Veröffentlichungen des Mantikore-Verlags in die Rolle des Hauptrezensenten für Spielbücher bei den Teilzeithelden gerutscht bin, habe ich wieder meine alte Liebe für Spielbücher aufs Neue entdeckt. Denn damals hatte in der Zwischenzeit etwas anderes meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.


Augenöffner #1: Das Schwarze Auge – Abenteuer Basis-Spiel
So bemerkte ich bei einem meiner Besuche in der Buchhandlung aus dem Augenwinkel einen kleinen Flyer in eigentlich langweiligen dunklen Farben. Ich weiß nicht mehr, was darauf abgebildet war oder welche reißerischen Werbetexte zu lesen waren, aber dies war das erste Mal, dass mir der Titel Das Schwarze Auge über den Weg lief. So besuchte ich also kurz darauf neugierig den lokalen Spielwarenladen, denn zum Glück konnte Verleger Schmidt Spiele ja dank seiner Vormachtsstellung diesen Titel aggressiv in den Markt drücken, so dass ich also auch im beschaulichen münsterländischen Bocholt eine kleine Ecke mit etlichen Schachteln DSA vorfand.

Neugierig tat ich meine ersten Schritte als Alrik im einleitenden Soloabenteuer und verschlang die kompakten und übersichtlichen Regeln – jaja, DSA v1 war noch sehr kompakt und einsteigerfreundlich, mit nur fünf Heldentypen und ohne den ganzen 3W20-Schmonzes. Nachdem ich Schulfreunden das Einstiegsszenario aufs Auge gedrückt hatte und anschließend die eigenen Charaktere erschaffen worden waren, leitete ich kurz nach dem Osterfest 1986 meine allererste Rollenspielrunde mit dem Gruppenabenteuer „Silvanas Befreiung“. Über dreißig Jahre ist das nun also her…

Das Schwarze Auge sollte mich auch noch für viele Jahre begleiten. Allein schon DSA 1 begeisterte mich mit seiner Detailfülle, wie etwa der ausführlichen Beschreibung Aventuriens und seiner Kulturen im Abenteuer-Ausbau-Spiel oder der umfangreichen Havena-Box. Letztere war dann auch der Austragungsort etlicher Abenteuer unter meiner Leitung. Über DSA 2 schließlich bin ich eher zufällig beim Stöbern in den Spielwarenregalen gestolpert, völlig verwundert, dass das Basis-Spiel nicht nur von einer neuen Illustration geziert wurde, sondern anscheinend auch die Regeln überarbeitet worden waren.

Auch an den anlaufenden Regionalspielhilfen mit ihren ausgearbeiteten Einzelheiten fand ich großes Gefallen. Gerade der allererste Band über das Bornland aus der Feder des viel zu früh verstorbenen Jörg Raddatz war etwas Besonderes – schließlich war Jörg auf meinem Gymnasium nur eine Jahrgangsstufe über mir und hatte dezent sowohl unsere Heimatstadt als auch unsere Schule in den Text eingebaut. Über die folgenden Jahre wurde meine Sammlung auch brav mit DSA 3 und den Regionalboxen erweitert.

Erst mit DSA 4 stellte sich bei mir Verdruss ein. Hatte ich mir die Boxen der Version 4.0 noch zugelegt, hatte ich irgendwie keine große Lust am Umstieg auf die neuen Hardcoverbände. Auch war mir das System zu diesem Zeitpunkt schon zu klobig geworden, und inzwischen ist Das Schwarze Auge nur noch ein wichtiger, aber abgehakter Teil meiner Geschichte als Rollenspieler. Dafür gibt es zu viele Systeme, die meinem persönlichen Geschmack eher entsprechen. Aber auch bis dahin war es ein weiter Weg.


Augenöffner #2: Blick über den Tellerrand
Natürlich war es schön, im normalen Spielwarenladen stets mit aktuellen DSA-Produkten versorgt zu werden, aber ansonsten war Bocholt rollenspielerische Diaspora. Erst ein völlig anderer Titel, ein kleines Taschenbuch mit dem Namen Knaurs Buch der Rollenspiele eröffnete mir, wie vielfältig dieses Hobby 1986 bereits war. Erst hier erfuhr ich von den großen Namen wie Dungeons & Dragons, Runequest oder Midgard. Wirklich erschlossen hatten sich diese Titel aber mit der Lektüre aber nicht für mich, dafür waren die einzelnen Artikel zu sehr bemüht, jeweils einen Rundum-Überblick über System, Welt und Publikationen zu geben. Ebenfalls aufschlussreich war der kurze Überblick über die zahlreichen beliebten Systeme, die nur in englischer Fassung verfügbar waren, oder die Adressliste von Läden, bei denen man das Zeug sogar vorfinden konnte. Zu diesem Augenöffner komme ich aber erst später…

Aus heutiger Sicht ist Knaurs Buch der Rollenspiele eher putzig zu nennen, zeigt es doch, wie sehr dieses schon damals gar nicht mehr so junge Hobby sich vom heutigen Stand der Dinge unterscheidet. Wer kann sich etwa vorstellen, dass das damals gerade einmal zwei Jahre alte DSA hier noch als regelleichtes Einsteigersystem und Newcomer unter den Rollenspielen beschrieben wurde, im Gegenteil zu solchen altehrwürdigen Profititeln wie etwa Midgard? Nicht minder zum Schmunzeln ist die Feststellung, es gäbe kaum noch Neuerungen im Rollenspiel, neue Titel würden sich die geeigneten Mechanismen vor allem aus etablierten Systemen zusammenklauben. Tja, Shadowrun mit seinen Würfelpools, Deadlands mit seinen Fate Chips (den späteren Bennies aus Savage Worlds) und erst recht die sehr themenspezifischen Indie-Rollenspiele waren damals eben noch sehr fern.

Nur zweimal begegnete mir in dieser Phase die DnD Red Box mit deren Erweiterungssets: Jeweils in einem Spielwarengeschäft in Münster (beim Besuch bei einer Tante über die Sommerferien) und bei einem Tagesausflug mit meinen Eltern im altehrwürdigen – und inzwischen auch geschlossenen – Fachgeschäft Lütgenau in Düsseldorf. Sei es aus mangelndem Taschengeld oder aus Ehrfurcht wegen des laut Knaurs Buch der Rollenspiele propagierten Profisystems, zugegriffen habe ich damals aus irgendeinem Grund jedenfalls nicht.

Düsseldorf würde aber noch weiter eine Rolle spielen, denn irgendwann musste ich ja einmal auf einen richtigen Rollenspielladen stoßen.


Augenöffner #3: Rollenspielläden
Nachdem meine DSA-Runden über die ersten Jahre einige Besetzungswechsel hinter sich hatten, beschlossen wir einmal – wie wir darauf kamen, ist mir inzwischen entfallen – ich glaube zu Oberstufenzeiten einmal einen richtigen Rollenspielladen aufzusuchen. Zum Glück war auch hier Knaurs Buch der Rollenspiele eine Hilfe, listete es doch als allerersten Eintrag in seiner Aufzählung entsprechender Geschäfte den Fantastic Shop in Düsseldorf. Die Produktvielfalt in dem kleinen Laden, damals noch in der Konkordiastraße, war umwerfend, und sei es nur, den ganzen komischen Kram, von dem ich bisher nur aus anderen Quellen gehört hatte, einmal in Händen zu halten.

Ich weiß gar nicht mehr, was ich Rollenspielmaterial bei diesem ersten Besuch überhaupt erstanden habe, in Erinnerung ist mir dieser Tag tatsächlich wegen zwei anderen Details. Zum einen saßen an einem zentralen Tisch mehrere DSA-Autoren und diskutierten die in Aventurien gerade aktuelle Wahl für den Marschall des Bornlands, die auch im Aventurischen Boten – damals glaube ich mit gerade mal noch einstelliger Zahl veröffentlichter Ausgaben – die Titelseite schmückte. Einer dieser Herren war wohl Ulrich Kiesow, der vehement und augenzwinkernd für die Kandidatin Thesia von Ilmenstein plädierte.

Zum anderen erstand ich bei diesem Besuch die Pocket Edition von Steve Jacksons (US) Verschwörungskartenspiel Illuminati. Bedenkt man, dass ich Jahre später einen Design-a-Card-Wettbewerb für dessen Sammelkartenvariante gewinnen, dem MIB-Supportteam von Steve Jackson Games beitreten und Steve sogar persönlich mein erstes eigenes Kartenspiel während der Spiel 2008 vorstellen würde, ist dies wohl auch ein Meilenstein für sich.

Inzwischen arbeite ich seit siebzehn Jahren in Düsseldorf, und der inzwischen schon lange umgezogene und in Mage Store umbenannte Laden wird von mir immer noch regelmäßig besucht. Sachen gibt’s.


Augenöffner #4: Spiel über den Tellerrand
Es sollte aber noch bis zu meiner dritten Bocholter Rollenspielgruppe dauern, bis ich die bisher nur theoretisch bekannten Titel abseits von DSA einmal ausprobieren würde. In der großen Pause, wahrscheinlich auch schon zu Oberstufenzeiten, auf mein Hobby mit DSA angesprochen, stieß ich also zu einer etablierten Runde, die zu diesem Zeitpunkt schon sehr umtriebig war. Hatte man dort mit MERS begonnen, so hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon lange AD&D 2e als Hauptsystem durchgesetzt. Die meisten aus der Runde betreuten als exklusiver Spielleiter eines der etlichen Settings, mit denen TSR damals schon den Markt überflutete, und so kam ich sogleich in den Genuss von Spielrunden in den Forgotten Realms, Greyhawk und Krynn. Später gesellte sich auch noch Spelljammer und Ravenloft hinzu.

Aber selbst dabei blieb es nicht, diese Runde erwies sich als sehr experimentierfreudig und verschaffte mir den großen Systemrundumschlag, von dem mein Nerdwissen bis heute zehrt. Bis in Studiumszeiten, wo wir einigermaßen regelmäßig zusammenkamen, probierten wir eine Vielzahl von Rollenspielen aus: Call of Cthulhu, Shadowrun (damals brandneu in der ersten Edition), Earthdawn, Deadlands, GURPS, Sturmbringer oder Warhammer Fantasy sind nur die ersten Schlagworte, die mir jetzt gerade dazu einfallen.


Augenöffner #5: Die Indie-Insel
Somit also endlich in den frühen 90ern in der Vielfalt der Rollenspielpublikationen angekommen, sollte es fast zwanzig Jahre dauern, bis ich erneut auf einen Aspekt des Hobbies stoßen sollte, der mir zuvor nur am Rande bekannt war. Durch das inzwischen allgegenwärtige Internet hatte ich auch von so wirklich obskuren Titeln wie My Life With Master gehört, die der Beschreibung nach sehr interessant klangen. Aber auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon regelmäßiger Gast in Rollenspielläden war, derartige Exoten hatte ich dort nie vorgefunden.

Erst 2008, also ich für Pegasus Spiele auf der Roleplay Convention (damals zum letzten Mal in Münster vor dem Umzug nach Köln) zugegen war, stieß ich durch Zufall auf den sehr abseits gelegenen Stand der Indie-Insel. Und deren Auslage machte mich sprachlos, denn dort wurden genau diese Exoten angeboten, von denen ich bisher nur auf Umwegen gehört hatte. My Life With Master und Inspectres landeten sofort in meinem Rucksack, und der beiläufige Kommentar, dass man diese und ähnliche Titel problemlos beim Sphärenmeister im Netz erstehen könne, eröffnete mir endlich die erstaunliche Vielfalt der Indie-Rollenspiele.


Augenöffner #6: Bloggen
Apropos Internet: Auch wenn meine ausschweifenden Blogartikel es nicht erahnen lassen, so bin ich im Netz doch eher jemand, der bevorzugt liest und beobachtet anstatt selbst viel beizutragen. Auch die Diskussionskultur in den einschlägigen Rollenspielforen dient mir eher als Lektüre, als dass ich mich zur aktiven Teilnahme hingerissen fühle. Dennoch überlegte ich vor einigen Jahren, ob die diversen Thesen und Ideen, die in meinem Kopf herumschwirrten, vielleicht einen Platz im Internet wert wären. Nach wochenlangem Abwägen, ob ich denn auch langfristig genug Inhalte fände, über die sich zu schreiben lohnt, veröffentlichte ich im Oktober 2011 meinen ersten Artikel hier auf Spiele im Kopf. Fünf Jahre ist das also inzwischen auch schon wieder her.

Und damit schließt sich auch der Kreis zum Auslöser des aktuellen Karnevals der Rollenspielblogs, der in diesem Monat ebenfalls sein fünftes Jubiläum feiert. Dieser inzwischen zur Institution avancierte Mottoaufruf hat sich für Spiele Im Kopf als wahre Fundgrube erwiesen. Einschließlich diesen Artikels widmen sich ganze 66 Beiträge dem Rollenspielkarneval, was fast die Hälfte dieses Blogs ausmacht. Zahlreiche Ideen, die ich aus diesem Anlass ausgearbeitet habe, hätte ich ohne den Stimulus des Karnevals wohl niemals gehabt. Und auch wenn laut Google Analytics zum größten Teil nur Bots mein Geschwafel aufrufen, so bleibt mir nur noch, dem Karneval der Rollenspielblogs herzlich zum Jubiläum zu gratulieren und mich auf die nächsten, hoffentlich nicht minder inspirierenden fünf Jahre zu freuen.

Und am besten tut man dies natürlich mit der einzig wahren Hymne auf Alte Säcke:




Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Karneval der Rollenspielblogs im Dezember 2016 mit dem Thema "Alte Säcke". Die Moderation liegt bei Gelbe Zeichen, alle Beiträge des Monats werden zudem in diesem Thread des Forums der Rollenspielblogs aufgelistet.

Kommentare:

Ingo hat gesagt…

Sehr schön. Ich sehe da einige Überschneidungen: Die Zitadelle des Zauberers, Knaurs Buch der Rollenspiele, Rollenspielläden, aber bis heute nahezu kein DSA...(ob nun mit oder ohne 3W20). Happy Gaming.

Gerrit Reininghaus hat gesagt…

Habe mit viel Freude mit in Erinnerungen geschwelgt. Auch ich sehe einige Parallelen zu meiner Entwicklung. Lange vor allem DSA, dann hier und da andere Systeme, aber erst mit dem Entdecken von Indie eine Welle der Erleuchtung.

Sorben hat gesagt…

Danke für diesen ausführlichen und interessanten Einblick zum Karneval. Von den Spielbüchern habe ich immer mal wieder gehört, vielleicht lege ich mir in diesem Jahr mal eins zu :) Herzlichen Glückwunsch auch zu deinen Jubiläen und ein frohes neues Jahr!

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