[WinterOPC 2016] Equinox – Die Karte nach Eris

29.03.2017
Der Winter-One-Page-Contest von Greifenklaue und Würfelheld hat sich inzwischen zu einer festen Institution in den deutschen Rollenspielblogs gemausert. Obwohl im vergangenen Dezember erneut fünf hervorragende Kategorien für neue Einseiter angeboten wurden, wollte mich zunächst keine zu einem spannenden Einfall inspirieren. Die zündende Idee kam erst einige Tage später, als zusammen mit meinem Nachwuchs ein ungewöhnliches Brettspiel auf den Tisch kam.


Fold-It
Eine der exotischeren Neuheiten, die auf der Spiel 2016 in Essen vorgestellt wurde, war Fold-It von Happy Baobab. Eigentlich mehr ein Puzzle als ein richtiges Gesellschaftsspiel, erhält hier jeder Spieler ein viereckiges Stück Stoff, das beidseitig mit 4x4 Essensmotiven bedruckt ist. Aufzudeckende Karten bestimmen, welche Bilder durch Falten des Stoffs als einzige sichtbar bleiben dürfen. Der letzte in der Runde, der damit fertig wird, muss einen seiner drei Pöppel abgeben, und wer als letzter noch Pöppel übrighat, gewinnt.


Beim Zurechtfalten des Stofftuchs allerdings wurde mir gewahr, dass man eine solche Vorlage auch problemlos auf einem DIN-A4-Blatt unterbringen könnte. Und da bisher meines Wissens noch kein Beitrag zum WinterOPC das Medium Papier für derartige physischen Veränderungen genutzt hatte, war nun endlich meine Idee für einen Wettbewerbsbeitrag geboren. Weil ich zudem im Vorfeld des WinterOPC schon überlegt hatte, ob man über drei Beitrage hinweg die zusammenhängenden Welten von Earthdawn, Shadowrun und Equinox verbinden könnte, entschied ich mich kurzerhand als Equinox als Setting für meinen Einseiter (für die Teilzeithelden habe ich das Setting-Handbuch und Regel-Handbuch inzwischen ausführlich besprochen). Mit dem Stichwort „Auf dem Sprung“ ließe sich für ein Science-Fantasy-Szenario, in dem Nexusportale zu anderen Planeten ein wichtiges Element darstellen, bestimmt eine interessante Karte erstellen, die erst mit der richtigen Faltung all ihre Geheimnisse preisgibt.


Origami und Papierformate
Aber schon die eigentliche Faltung erforderte sorgfältige Planung. Zwar gibt es etliche Möglichkeiten, einem Blatt Papier neue Formen zu geben, allerdings mussten die letztlich sichtbaren Teile der fertigen Gestalt alle auf derselben Seite des Blatts sein, denn die Regeln des WinterOPC sagen deutlich, dass eben nur eine Seite des DIN-A4-Beitrags verwendet werden darf.

Mit ein wenig Google-Fu fanden sich auch schnell diverse Seiten zum Thema Origami, die mögliche Grundfaltungen vorstellten. So war recht schnell eine A4-Seite derart zurechtgefaltet, dass insgesamt drei verschiedene Motive darauf Platz finden würden. Bevor ich allerdings an die Ausarbeitung dieser Elemente ging, schoss mir eine andere wichtige Frage durch den Kopf: Woher sollte der unbedarfte Leser überhaupt wissen, wie er das Blatt überhaupt zu falten hat? Zwar sollten innerhalb des Musters diverse verschlüsselte Hinweise versteckt sein, aber selbst für diese bräuchte es dennoch eine Anleitung.


Rechteck oder Viereck?
So schrieb ich eine kurze Email an die Organisatoren des WinterOPC, ob dieser „Begleitzettel“ mit auf die eine Seite des Beitrags passen müsse. Würfelheld und Greifenklaue nahmen sich dieser eigentlich unverschämten Anfrage auch an und teilten mir wenige Tage darauf völlig zu Recht mit, dass sämtliche Elemente auf einer A4-Seite unterkommen müssten.

Entwürfe für das Faltmuster vom Rechteck zum Viereck.

In der Zwischenzeit hatte ich selbst mit einer viereckigen Grundform der Faltkarte herumexperimentiert und schnell festgestellt, dass sich dadurch wesentlich bessere Möglichkeiten ergaben. Statt wie ursprünglich vorgesehen drei würde ich nun sogar vier Motive auf der Karte unterbringen können. Hier zeigt sich ein wunderbares Beispiel für die Makel der schnellen elektronischen Kommunikation: Besser erst einmal nachdenken, ob es nicht eine Alternative gibt, bevor man sich äußert. Dennoch danke ich Würfelheld und Greifenklaue dafür, dass Sie meinen dreisten Zwischenruf ernsthaft diskutiert haben.


Aufteilung, Motive und Skizzen

Nun war es aber an der Zeit, die Karte auch mit Leben zu füllen. Mir schwebte von vornherein vor, dass ein temporäres Nexusportal vom Asteroidengürtel der ehemaligen Erde zum äußersten Rand des Sonnensystems führen soll, also an einen Ort, der eigentlich in relativer Nähe zum Zentrum der Menschheit liegt und dessen Bedeutung dennoch keiner ahnt. Der vor geraumer Zeit zum Zwergplaneten degradierte Pluto schied aus, da er im Equinox Setting-Handbuch bereits als Gerücht und mögliche Basis für geheime Machenschaften beschrieben wird. Durch Recherche auf Wikipedia stieß ich aber auf Eris, einen weiteren Zwergplaneten von etwa gleicher Größe wie der Pluto, der allein schon wegen seines Namens ideal ist. Inhaltlich sollte die Karte vor allem heiße Luft und Gerüchte verbreiten: Angeblich ist dies ein Zufluchtsort, an dem Mystiker – die arkan begabten Spielerfiguren – unbemerkt die Geheimnisse ihrer Disziplinen ergründen können, andere sagen, dorthin hätten sich die Dämonen nach dem verlorenen Kampf um die Erde zurückgezogen. Wieder andere tun all das als Blödsinn ab.

Entwürfe für die Einzelmotive

Um mich nicht in den geplanten Faltungen zu verlaufen, entstand eine grobe Vorlage, auf der neben der Reihenfolge der Faltschritte auch die letztlich sichtbaren Elemente der Karte separat farblich kenntlich gemacht waren. Damit ergaben sich die folgenden vier, sich mitunter bewusst widersprechenden Motive für die einzelnen Faltungen. Zudem sollten auf den vier fertig gefalteten Formen handschriftliche Hinweise, die nur auf den ersten Blick wild auf der Karte verteilt sind, den jeweiligen Motiven zusätzlichen Kontext geben.

1 Die Position des Sprungtors
Im Equinox Setting-Handbuch ist der Erdnexus, der Asteroidengürtel nach Zerstörung unseres Heimatplaneten im Kampf gegen Dämonen, die zentrale Nabe für Sprünge durch den Astralraum zu anderen Welten inner- und außerhalb des Sonnensystems. Eine mystisch angehauchte Karte zeigt sowohl die Lokation der wichtigsten Portale auf einem Kreis als auch auf einem Strahl. Auf dem Strahl habe ich das Tor nach Eris für meine Karte ergänzt und hinter den Welten Nim und Venus positioniert.  Um diesen Schrifthinweis zu verschleiern, musste gleichzeitig eine weitere Zeile her, die die leserlichen Buchstaben zu arkanen Symbolen umwandelt.
Der handschriftliche Kommentar „Warum sonst gibt es wohl ein Nexusportal dorthin?“ soll den Hinweis geben, dass die Planetennamen und die Punkte daneben die Torpositionen anzeigen.

2 Eine grobe Karte von Eris
Der Planet selbst soll natürlich ein Geheimnis bergen und ist zunächst auf der Karte auch deutlich zu erkennen. Durch die richtige Faltung allerdings wird ein Kraterversteck sichtbar. Was dahinter stecken könnte, deutet der handschriftliche Hinweis an: „Auf Eris verstecken sich Vaganten und lernen die letzten Geheimnisse der Mystik.“ – aber der Kommentar „So sagt man“, der von einem anderen Element hinzukommt, stellt dies direkt wieder in Frage.

3 Ein Dämon
Um das Gerücht zu untermauern, dass Eris eben doch keine sichere Zuflucht ist, stellt das dritte Motiv einen Dämon dar. Bekräftigt wird dies noch durch den Kommentar „dort sind die Dämonen.“
Bei der Entwicklung einer passenden Kreatur hatte ich zunächst diverse Star-Wars-Artbooks gewälzt, in deren unverwendeten Entwürfen ich schon oft tolle Anreize finden konnte. Letzendlich habe ich mich aber einfach in der Natur umgesehen, denn die bringt ja oft die schaurigsten Monstrositäten zustande. So ist die Kreatur am Ende zu einem aufgedunsenen Mann mit dem Kopf eines Bärtierchens geworden.

4 Ein Besessener und ein Hilferuf
Mit dem überraschend zur Verfügung stehenden zusätzlichen vierten Motiv statt der anvisierten drei konnte ich die Bedrohung durch die Dämonen noch untermauern. Zu sehen ist ein schreiender Kopf, eng umschlungen von einer solchen Kreatur.
Zur Verstärkung steht auf diesem letzten Motiv der betont krumme Ruf „Helft uns!“, ebenfalls mit einer weiteren Zeile zu arkanen Symbolen verschleiert. Der deutliche Textkommentar „Nein! Sie sind dort gefangen!“ sollte endgültige Klarheit darüber schaffen, was Neugierige auf Eris erwartet.

Die vier Einzelmotive nach korrekter Faltung


Übrig bleibt nur ein einziger Kommentar auf der Karte: „Alles Humbug! Eris ist ein Gerücht genauso wie Pluto!“ Da dieser Ausspruch aber auf keinem der vier Motive erscheint, ist er damit als roter Hering entlarvt.


Viel Zeit in Photoshop
Zuletzt mussten diese ganzen Einzelteile zu einem Ganzen zusammengefügt werden. Um die einzelnen Teile auf der ungefalteten Karte richtig anordnen zu können, musste zudem eine Legende her, welche Position und Drehung später das Gesamtmotiv bilden würden. Nach dieser Vorlage konnte ich die reingezeichneten Motive ausschneiden und korrekt positionieren.

Getuschte Scanvorlagen - Illustrationen, Hintergrundmuster und Faltanleitung

Um die Karte weiter auszubauen und von den Kernmotiven abzulenken, entnahm ich von Wikipedia eine NASA-Zeichnung von Eris sowie einen Sternenhintergrund. Handschriftliche mystische Symbole, entlehnt den Randillustrationen der offiziellen Equinox-Bücher, sorgten für zusätzlichen Hintergrund.

Die letzte Herausforderung war die eigentliche Faltanweisung. In zwei Symbolen ist kodiert, auf welches Motiv sich eine Falzlinie bezieht, zudem wird der Faltschritt von 1 bis 3 oder 4 angegeben sowie die Richtung, in die gefaltet wird. Hier kam mir auch das quadratische Kartenformat zu Hilfe: Auf dem für den WinterOPC vorgeschriebenen A4-Blatt blieb so noch genug Platz, um für den uneingeweihten Leser die Hintergrundgeschichte, die Faltanleitung und die zu erwartenden Motive unterzubringen.

Einige Layoutschritte in Photoshop

So zufrieden ich mit der finalen Optik auch bin, so muss ich dennoch zugeben, dass mein Beitrag zum WinterOPC 2016 inhaltlich arg blutleer geraten ist. So ist es aber gewollt: In diesem Jahr wollte ich bewusst ein Gimmick einreichen, das ein wenig kreativ mit den Möglichkeiten des Mediums Papier herumspielt.


Ein Platz auf dem Treppchen
Völlig überraschend hat es "Die Karte nach Eris" sogar auf den ersten Platz in der Kategorie "Auf dem Sprung" geschafft. Um ehrlich zu sein, bin ich fassungslos ob dieses Zuspruchs, denn vom Inhalt gibt der Beitrag meiner Meinung nach ja nur wenig her. Dennoch danke ich der Jury, dass dann doch die Optik und die Plotandeutungen derart überzeugen konnten!
Und zuletzt gilt mein Dank natürlich den Urhebern dieser grossartigen Aktion Greifenlaue und Würfelheld, die schon im sechsten Jahr in Folge die deutschsprachigen Rollenspieler zu fantastischen Beiträgen angeregt haben. Ich freue mich schon jetzt auf den 2017er-Wettbewerb.


Zuletzt: Der Download

Equinox – Die Karte nach Eris (pdf 4,29 MB)

1 Kommentar:

Ingo Schulze hat gesagt…

Schönes Making of und letztlich steckt ja einiges hinter der Idee, auch wenn sie nur "übertragen" ist.

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