Ein Solo zum Einstieg

30.01.2018
In lang vergangenen Gymnasiumszeiten pflegte unsere Rollenspielrunde eine Besonderheit, die ich bis heute nicht wieder angetroffen habe: Zu Beginn einer Kampagne (oder zumindest längeren Geschichte in einem System) bekam jeder Spieler ein Soloabenteuer spendiert.


Ein nostalgischer Blick zurück
Meine Rollenspielrunde während der Oberstufe (zur Orientierung: Mein Abitur habe ich 1991 gemacht) war stets sehr umtriebig, was Systeme und Settings angeht. Zudem war es zu Schulzeiten natürlich ein leichtes, regelmäßig am Wochenende für Stunden zu spielen und sich für andere Dinge unter der Woche zu treffen, was inzwischen für mich als Familienvater undenkbar ist. Zudem war es Usus, dass einer aus der Gruppe den festen Spielleiterposten für ein Setting innehatte, so dass beispielsweise bei AD&D 2e Greyhawk, Dragonlance und die Forgotten Realms auch drei Personen federführend waren. Mal ganz zu schweigen von den exotischeren Systemen, die sich in unserem Fundus befanden.

Zudem war in diesen seligen, mit viel Freizeit gesegneten Zeiten das langfristige Kampagnenspiel nichts ungewöhnliches. Wer auf die Idee kam, vermag ich nicht zu sagen (ich stieß als einer der letzten zu dieser Gruppe hinzu), aber zum guten Ton gehörte dabei, dass jeder Spieler vor Zusammenfinden der eigentlichen Abenteurergruppe ein individuelles Einzelabenteuer absolvierte, genau auf seinen Charakter zugeschnitten. Mal abgesehen von der schmeichelnden Möglichkeit, allein im Rampenlicht zu stehen, war dies auch eine elegante Methode, die Eigenheiten eines neuen Settings kennenzulernen.


Erinnerungsfetzen
Nun sind diese Einzelabenteuer aber auch schon über fünfundzwanzig Jahre her, und auch ein kurzer Austausch mit den damaligen Kumpanen hat zunächst nur Bruchstückhaftes über die diversen Soloabenteuer hervorgebracht, die damals stattfanden. Dennoch sind mir nicht alle Anekdoten entfallen, und auch mein damaliger Mitspieler Oliver hat freundlicherweise in seinen alten Notizen gekramt.

Trakayn
Von Sommer 1991 bis Sommer 1992 leisteten ich und ein anderer Spieler der Gruppe unseren Wehrdienst, die anderen absolvierten derweil die Oberprima. In jenem Jahr bespielten wir die von Spielleiter Oliver entwickelte Welt Trakayn (auf Basis eines reduzierten Basic Roleplaying), in der der aus dem Limbus zurückgekehrte Grubenfürst Zarghal, besessen von dem Wunsch, zu herrschen und eigenes Leben zu erschaffen, seine alten Eroberungspläne wieder aufnimmt. Ich selbst verkörperte einen Halbtroll, auch wenn dieses zivilisierte Inselvolk lieber auf den Namen Atanasken hörte. Schon immer ein Freund von Charakteren, die Klischees ein wenig unterwandern, folgte mein Hüne Shikrilek dem Beruf des Schreibers und stieß auf einen Schiffbrüchigen, der von eben der Rückkehr des lange für einen Mythos gehaltenen Schattenfürsten berichtete. Pflichtbewusst brach ich auf, um diese Kunde als Warnung an andere Völker weiterzugeben. Dass dabei eine Fürstin, zu der ich vorgelassen wurde, ein Gezücht und Diener Sarghals war, konnte ich in dieser einleitenden Sitzung natürlich nicht ahnen…


Nun aber übergebe ich an Oliver, der das wie gesagt noch etwas genauer nachgeschaut hat:

"Ich habe den „Prolog“ als Serie aus aufbauenden Einzelabenteuern aufgezogen. Angefangen habe ich mit Patrick, der dem „Zauberer“, dessen Sklave er war, zu seiner Erinnerung verholfen, so dass dieser wieder wusste, dass er mal Zarghal (der Grubenfürst) war. Er ist dann auf einem Floß entkommen und wurde von Shikrilek aufgelesen, dem Atanasken-Beamten, der mit einer Galeere auf amtlicher Mission unterwegs war. Gemeinsam habt ihr dann von deinem Vorgesetzten den Auftrag bekommen, den Körper des Grubenfürsten zu bergen, denn der eigentliche göttliche Leib war aktuell noch in eine Koma-/Stasissituation in einem Spinnendungeon hinterlegt. Das ist euch nicht gelungen, so dass ihr am Ende feststellen musste, dass Zhargal back in the saddle ist und ihr am besten Demetrius in Kherossia informieren solltet, da dieser einem Netzwerk guter Mächte angehörte.

Als nächstes hatte Peter ein echtes Soloabenteuer: Als Ritter aus Duerlan, der auch dem intriganten Wirken der Grubenfürst-Vasallen auf die Spur kommt und letztlich ebenfalls bei Demetrius aufschlägt.

Arno hate diesen Khûlbor (Wolfsmenschen)-Schamanenlehrling, der vor allem vom Arsch der Welt wegbugsiert werdn musste, um in der nächsten Sitzung Freds Cosmo zu treffen; die beiden haben dann ein Stadtintrigen/Kanalisationsabenteuer mit Rattenmenschen erlebt und sind dann über Umwege zu dem mysteriösen Halbelfenbaby (der spätere „Umwälzer“; was ich damals selbst noch nicht wusste) mit den toten Eltern gekommen, das sie dann auf Anraten Erenglars zu Demetrius bringen sollten.

Damit war die Runde zusammen und der Prolog abgeschlossen. Ich fand das als Konstellation ganz gut, denn es gab immer nur Teilgruppen, die aus einer Region stammten, und es hatte auch Charme, dass ein Teil der Gruppe was anderes erlebt hatte, als ein anderer Teil."



Trakayn bescherte mir übrigens noch weitere Soloabenteuer, darunter eines, das mich in seiner Form völlig überrumpelte: Shikrilek war, getrennt von der Gruppe, gefangen genommen worden und schmachtete in einem Verlies. Nur ein kleiner Junge, mit dem er über das kleine Fenster zur Straße hin sprechen konnte, war in der Lage zu helfen, und genau diesen sollte ich in dieser Einzelsitzung auf verkörpern. Gut, dass damals mit Fred zufälligerweise ein anderer Mitspieler zugegen war, denn ich hätte in dieser ungewohnten Rolle wohl kaum die Befreiung hinbekommen und Shikrilek würde bis heute im Verlies schmachten.

Sa'diq
Trakayn blieb aber nicht die einzige Schöpfung Olivers. So bespielten wir mit GURPS auch die Welt Sa’Diq, auf der auf einem gigantischen ausgedörrten Hochplateau eine fortschrittliche Zivilisation mit hochtechnischen Relikten einer unverständlichen Vergangenheit wohnt (inspiriert von Skyrealms of Jorune). Unterhalb des Plateaus und der undurchdringlichen Wolkendecke befand sich ein dichter Regenwald, in dem Wasser alltäglich war. Ich verkörperte einen Sklavenjäger, der die vermeintlich primitiven Buschmenschen als billige Arbeitskräfte einfängt, was auch Teil meines Eröffnungsabenteuers war. Bei der Sitzung darauf erfuhr ich einen ziemlichen Kulturschock, als dann meine Mitspieler Patrick und Fred als zwei Gelehrte von dem Hochplateau (von dem ich auch als Spieler keine Ahnung hatte) auftauchten und mich als den Primitivling entlarvten.

MERS
Zuletzt erinnere ich mich noch vage an die Einleitung in eine Kampagne in MERS - tja, dies waren halt die Zeiten, als sich außer I.C.E. noch niemand um die Rollenspiellizenz zu Tolkiens Werken geschert hat. Mein Halbling Merimac (ja, dies ist der Ursprung meines üblichen Forennamens) musste zwei Vettern retten, die sich ausgerechnet im Alten Wald verlaufen hatten.

Forgotten Realms
Aber nicht nur Oliver war der Herr der Solo-Prologe. In einer begonnenen, aber nie weit gespielten Kampagne in den Forgotten Realms unter Spielleiter Fred (dem wie oben beschrieben dieses AD&D-Setting oblag) verkörperte ich einen Zauber mit dem glanzvollen Namen Tassilon Wayne Fitzgerald II, den Fred ihm gegeben hatte. Und ja, dieser Name ist derart exotisch, dass ich bis heute nicht vergessen habe. Die gerechtfertigte Gemeinheit daran war, dass dieser Junge der Sohn eines Adligen aus einer Greyhawk-Kampagne (sic!) war, verkörpert von Mitspieler Patrick, während mein Zwergencharakter nichts anderes zu tun hatte, als genüsslich auf die möglichen Komplikationen bei der Geburt hinzuweisen. Geschah mir also recht.
Fitzgerald II wuchs allerdings nicht in Greyhawk auf, sondern landete – so glaube ich – über ein Portal bei einem Magier auf einer abgelegenen Insel mitten im Meer, wo er ausgebildet wurde. Erst am Ende des Soloabenteuers gelangte ich über ein weiteres Portal in die große Stadt (hier stand wohl TSRs Lankhmar-Version Pate), wo er auf sich gestellt auch notgedrungen einige Diebesfertigkeiten lernte. Und erst dann stieß ich auf die anderen Abenteurer der Gruppe.

Das Schwarze Auge
Als ich selbst versuchte, meinen Mitspielern Das Schwarze Auge schmackhaft zu machen, habe ich glaube ich ebenfalls dieser Tradition gefrönt. Erinnern kann ich mich allerdings nur noch an die Erlebnisse eines jungen Novadi, der eine Karawane durch die Khom begleiten musste. Das Abenteuer war von mir bewusst bodenständig gehalten – wie DSA halt so ist – und entsprach vielleicht gerade deshalb nicht den Erwartungen des Spielers.

Earthdawn: The Age of Legend
Nun ist die Gymnasiumsgruppe schon lange in NRW verteilt, auch wenn wir alle noch regelmäßigen Kontakt halten. Dennoch habe ich vor rund zwei Jahren eher per Zufall geschafft, ein Einführungs-Soloabenteuer zu leiten. Für den Spielbericht zu Earthdawn: The Age of Legend, das ich für die Teilzeithelden bereits rezensiert hatte, fiel beim ersten gemeinsamen Abend einer der Spieler leider kurzfristig aus. Nun denn, Einführungs-Solos waren ja für mich eine gewisse Selbstverständlichkeit, und so führte ich den Trollschützen eben alleine auf die Spur eines Magiers, der Ärger mit der theranischen Justiz bekommen hatte. Die nächste Sitzung mit der gesamten Gruppe stellte die Spieler vor die Herausforderung, nicht nur den Magier, sondern eben auch den verhafteten Troll vor einem Strafspruch zu bewahren.


Für und wieder

Der Charme eines individuellen Soloabenteuers ist natürlich gewaltig, und zu Schulzeiten ist das wohl auch ein Zusatzaufwand, den ein Spielleiter nebenher gut planen kann. Ob ich dies heutzutage noch vermochte, wage ich zu bezweifeln, sei es vom Schreibaufwand oder der Terminfindung. Für Onlinerunden mag es vielleicht eher eine Option sein, wie mein oben aufgeführtes Beispiel zeigt.
Jedenfalls denke ich an unsere damaligen Gepflogenheiten noch gerne zurück und kann sie jeder Runde, die die Muße dazu finden kann, wärmstens empfehlen.




Dieser Artikel ist ein Beitrag zum Karneval der Rollenspielblogs im Januar 2018 mit dem Thema „Anfänge und Übergänge“. Die Moderation liegt bei Timberwere und Niniane, alle Beiträge des Monats werden zudem in diesem Thread des Forums der Rollenspielblogs aufgelistet.


Bildquellen
Oliver Booms: "Atanaske" / "Approaching Kherossia"

Kommentare:

Esther L hat gesagt…

Danke für diese Einblicke, das war eine sehr interessante Lektüre! Die Gepflogenheit, zum Kampagneneinstieg Präludien mit einzelnen Charakteren zu spielen, ist aber, glaube ich, nicht so selten, wie du meinst, das hatten wir zwar nicht regelmäßig, aber in der Vergangenheit gelegentlich auch schon. Und gerade jetzt Anfang des Jahres gab es in unserer Supernatural-Runde zur Einführung zweier neuer Charaktere jeweils einen Prolog für diese: einer davon ein halb-geleitetes, halb spielleiterloses one-on-one, das andere ein spielleiterloser "Dreier".
Die Tradition lebt also trotz Zeitmangel zumindest in Teilen durchaus, und das finde ich eigentlich sehr schön.

Klaus hat gesagt…

Gut zu wissen! Man liest in anderen Blogs eben nur sehr wenig darüber, aber es freut mich sehr, wenn diese nette Gepflogenheit auch in anderen Spielrunden lebt.

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